Dass wir unsere letzten Wochen in Deutschland nicht mehr in unserer bisherigen Wohnung verbringen würden, stand schon lange fest. Der Umzug in unsere Übergangswohnung im Dortmunder Stadtteil Mengede war schließlich Teil unseres Plans. Und natürlich war uns bewusst, dass damit auch unser Alltag etwas umständlicher werden würde.
Wie umständlich, merkten wir allerdings erst, als es tatsächlich so weit war.
Bis dahin hatten wir es nämlich ziemlich bequem gehabt. Unser Großer fuhr morgens ganz selbstverständlich mit seinem Roller und unserer Nachbarstochter zur Schule, während Christian unseren Jüngsten auf dem Weg zur Arbeit im Kindergarten absetzte. Ein kleiner Umweg von vielleicht zwei bis drei Minuten. Alles war über die Jahre so eingespielt, dass wir uns darüber kaum noch Gedanken machten.
Nachdem die letzten Kisten gepackt waren und unsere bisherige Wohnung immer leerer wurde, war irgendwann auch unser Bett an der Reihe. Es wurde abgebaut, in die neue Wohnung gebracht und dort wieder aufgebaut. Und damit war es tatsächlich so weit: Wir verbrachten unsere letzten Wochen in Deutschland nicht mehr in unserem bisherigen Zuhause.
Ein merkwürdiges Gefühl. Schließlich hatten wir uns dort über die Jahre ein Leben eingerichtet, in dem alles seinen Platz hatte. Schule, Kindergarten, Freunde, die täglichen Wege und all die kleinen Dinge, über die man normalerweise überhaupt nicht nachdenkt.
Die Übergangswohnung hatten wir bereits im Vorfeld umfassend renoviert und teilweise umgebaut, damit sie zu unseren Bedürfnissen passte. Einen Teil unserer bisherigen Möbel nahmen wir mit, andere Dinge kamen neu hinzu. Und so entstand ein wirklich schönes Zuhause, in dem wir uns vom ersten Moment an wohlfühlten.
Ein bisschen verrückt war es trotzdem, schließlich wusste ich schon beim Auspacken, dass ein Teil der Sachen wenige Wochen später wieder in Kartons verschwinden würde. Aber gerade für die Kinder wollten wir es uns richtig gemütlich machen und nicht nur die Zeit bis zum Abflug irgendwie überbrücken.
Es war der Alltag, der uns aber trotzdem vor neue Herausforderungen stellte.
Allein der Weg zur Schule und zum Kindergarten dauerte jetzt im besten Fall eine halbe Stunde. Wenn der Dortmunder Berufsverkehr nicht mitspielte, auch gerne deutlich länger. Also noch früher aufstehen und morgens erst einmal alle rechtzeitig ins Auto bekommen.
Da ich zu diesem Zeitpunkt noch bei meinem damaligen Arbeitgeber beschäftigt war, musste ich meine ohnehin genau abgestimmten Arbeitszeiten entsprechend organisieren. Häufig arbeitete ich deshalb nach dem morgendlichen Bringen direkt bei meinen Eltern, statt die ganze Strecke wieder zurückzufahren.
Besonders knifflig wurde es mittwochs, wenn ich nach Essen ins Büro musste. Dann sprang meistens Christian ein, der allerdings selbst beruflich viel unterwegs war. Zum Glück konnten wir uns auch auf die Unterstützung unserer Eltern verlassen, wenn es zeitlich einmal eng wurde.
Selbst Verabredungen und Hobbys am Nachmittag wollten plötzlich besser geplant sein. Es war eine ziemliche Umstellung, auch wenn Christian durch den Umzug immerhin den kürzesten Arbeitsweg von uns allen hatte: einmal die Treppe runter und schon war er im Betrieb.
Nach unserem letzten Mallorca-Aufenthalt über Ostern gab es außerdem noch einige Dinge zu erledigen. Arzttermine, Vorsorgeuntersuchungen und verschiedene Behördengänge standen auf dem Programm. Dinge, die wir möglichst noch in Deutschland abhaken wollten.
Auch um unsere Krankenversicherung mussten wir uns kümmern. Da zu diesem Zeitpunkt noch nicht abschließend feststand, wie es für mich beruflich auf Mallorca weitergehen würde, entschieden wir uns zunächst für eine private Krankenversicherung in Spanien. Damit wollten wir sicherstellen, dass wir auch die Voraussetzungen für unsere Residencia erfüllen konnten.
Die Kinder waren bereits in Deutschland privat versichert, sodass eine gemeinsame Lösung für uns alle nahelag. Positiv überrascht waren wir dabei von den deutlich günstigeren Beiträgen im Vergleich zu unseren bisherigen Versicherungen.
Da dieses Thema bei einer Auswanderung nach Spanien durchaus einige Fragen aufwirft, werde ich unsere Erfahrungen und die verschiedenen Möglichkeiten demnächst noch einmal ausführlicher in meinem Mallorca Kompass aufgreifen.
Erfreulich unkompliziert verlief dagegen die Suche nach neuen Mietern für unsere andere Eigentumswohnung in Dortmund, in der bislang meine Eltern wohnten. Denn auch für sie rückte der Umzug nach Mallorca immer näher. Ende September wollten sie uns auf die Insel folgen und in unsere Wohnung in Artà einziehen. Bis dahin wollten wir längst in unserem neuen Stadthaus wohnen. So zumindest der Plan.
Schon bei den ersten Besichtigungen lernten wir ein junges Paar kennen, bei dem wir sofort ein gutes Gefühl hatten. Die beiden würden die Wohnung ab Oktober übernehmen.
Bei all dem Trubel gab es aber zum Glück auch noch die schönen Seiten dieser letzten Wochen.
Plötzlich meldeten sich Menschen, von denen ich teilweise seit Jahrzehnten nichts mehr gehört hatte. Alte Schulfreunde, frühere Wegbegleiter, Menschen, mit denen man irgendwann einfach den Kontakt verloren hatte.
Schon verrückt, wie das manchmal läuft. Jahrelang sieht oder hört man nichts voneinander und ausgerechnet dann, wenn man dabei ist, Deutschland zu verlassen, sitzt man plötzlich wieder gemeinsam am Tisch. Als hätte es die vielen Jahre dazwischen gar nicht gegeben.
Wir trafen uns auf einen Kaffee, gingen gemeinsam essen und hatten wirklich interessante Gespräche. Es war ein bisschen wie eine kleine Reise in die Vergangenheit.
Natürlich durften auch die regelmäßigen Treffen mit unseren Freunden und meinen engsten Freundinnen nicht fehlen. Gemeinsam kochen, essen gehen, lange Abende bei einem Glas Wein und Gespräche über alles Mögliche. Eigentlich genau das, was wir schon immer gerne zusammen gemacht hatten.
Nur mit dem Unterschied, dass wir diesmal wussten, dass solche spontanen Abende bald nicht mehr ganz so selbstverständlich sein würden.
Mallorca ist schließlich nicht aus der Welt. Und trotzdem macht es natürlich einen Unterschied, ob man sich einfach für den nächsten Abend verabreden kann oder dafür erst einmal einen Flug buchen muss.
Auch unsere Kinder nutzten die letzten Wochen noch einmal ausgiebig, um Zeit mit ihren Großeltern zu verbringen. Fast jedes Wochenende waren sie bei meinen Schwiegereltern. Schließlich war uns allen bewusst, dass solche Besuche bald nicht mehr ganz so spontan möglich sein würden. Umso schöner war es, dass die beiden diese gemeinsame Zeit noch einmal richtig genießen konnten.
Darüber hinaus standen für die Kinder noch zwei besondere Veranstaltungen an: das Sommerfest in der Schule und das Abschlussfest im Kindergarten. Das Wetter spielte glücklicherweise mit, und so konnten sie noch einmal schöne Stunden mit ihren Freunden verbringen.
Für die beiden waren es in erster Linie zwei schöne Feste. Für uns Eltern steckte manchmal ein bisschen mehr dahinter. Schließlich wussten wir, dass es die letzten gemeinsamen Veranstaltungen in diesem vertrauten Umfeld sein würden.
Natürlich war da auch Wehmut. Aber die Kinder freuten sich gleichzeitig auf Mallorca, auf unser Zuhause dort und auf alles, was sie erwartete.
Rückblickend war es schon eine verrückte Zeit. Während wir unter der Woche kaum wussten, wie wir alle Termine unter einen Hut bekommen sollten, war uns am Wochenende plötzlich kein Weg zu weit und kein Abend zu lang, wenn wir dafür noch ein paar schöne Stunden mit unseren Lieblingsmenschen verbringen konnten.
Und während wir uns noch durch den Dortmunder Berufsverkehr kämpften, rückte der 16. Juli immer näher.
Unser One-Way-Ticket nach Mallorca war längst gebucht.
Manchmal kam es mir trotzdem noch ziemlich unwirklich vor. Vielleicht gerade deshalb, weil unser Leben bis zuletzt so vollgepackt war, dass kaum Zeit blieb, sich überhaupt Gedanken darüber zu machen, was uns eigentlich bevorstand.
Denn eines war klar: Wir würden Dortmund nicht einfach nur für ein paar Wochen verlassen, um die Sommerferien auf Mallorca zu verbringen.
Dieses Mal würden wir bleiben.
Doch noch bevor der Juli überhaupt begonnen hatte, stand ein Termin an, auf den wir schon lange hingefiebert hatten.
Ende Juni sollte endlich der Notarvertrag für unser Stadthaus auf Mallorca unterschrieben werden. Der Optionsvertrag war längst geschlossen, aber erst mit dem Notartermin würden wir tatsächlich die Schlüssel zu unserem neuen Haus in den Händen halten.
Und damit rückte etwas in greifbare Nähe, das bis dahin vor allem aus Plänen, Besichtigungen und einer ziemlich großen Portion Vorfreude bestanden hatte.
Unser eigenes Stadthaus auf Mallorca.
Was wir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht wussten: Mit der Schlüsselübergabe würde eine Geschichte beginnen, auf die wir wirklich gerne verzichtet hätten.
