Je konkreter unsere Pläne wurden, desto schwieriger wurde es natürlich auch, sie weiterhin nur für uns zu behalten. Inzwischen hatten wir so viele Dinge angestoßen, organisiert und vorbereitet, dass unsere Auswanderung nach Mallorca längst nicht mehr nur irgendeine Idee für irgendwann war. Auch wenn noch immer viele Fragezeichen geblieben waren, stand unsere Entscheidung fest.
Und damit kam irgendwann der Moment, an dem wir anfangen mussten, auch die Menschen um uns herum einzuweihen.
Nach und nach haben wir deshalb den ersten engen Freundinnen und Freunden von unseren Plänen erzählt. Und irgendwie war jedes dieser Gespräche ein bisschen anders. Manche waren im ersten Moment einfach nur überrascht, andere hatten vielleicht schon geahnt, dass bei uns irgendetwas in Bewegung war. Schließlich war Mallorca schon lange ein großer Teil unseres Lebens und dass daraus irgendwann einmal mehr werden könnte, kam für einige vermutlich gar nicht völlig unerwartet.
Was uns aber wirklich gutgetan hat, waren die Reaktionen. Niemand hat versucht, uns diesen Schritt auszureden oder uns erst einmal all die Dinge aufzuzählen, die bei einer Auswanderung nach Mallorca möglicherweise schiefgehen könnten. Im Gegenteil. Die meisten haben sich ganz ehrlich für uns gefreut, uns Mut gemacht und gesagt, dass sie unseren Schritt verstehen können.
Natürlich war da gleichzeitig auch Wehmut. Gerade bei Menschen, die man regelmäßig sieht und die ganz selbstverständlich zum eigenen Alltag gehören, wird einem in solchen Momenten noch einmal bewusst, was eine Auswanderung eben auch bedeutet. Es ist ja nicht so, dass wir einfach nur unseren Wohnort wechseln. Wir lassen Menschen zurück, gemeinsame Nachmittage, spontane Treffen, Geburtstage und all diese kleinen Selbstverständlichkeiten, über die man normalerweise gar nicht groß nachdenkt.
Und natürlich kam ziemlich schnell die Frage: „Aber ihr kommt doch noch nach Deutschland, oder?“ Ja, natürlich. Und genauso hofften wir, dass sich künftig der eine oder andere Besuch auf Mallorca ergeben würde. Trotzdem würde es anders werden. Das wussten wir alle.
Vielleicht waren genau diese Gespräche deshalb gleichzeitig so schön und so schwierig. Denn plötzlich wurde aus einer Idee, über die wir innerhalb unserer Familie schon so lange gesprochen hatten, etwas Reales. Solange man plant, Häuser anschaut, Unterlagen zusammensucht und sich Gedanken darüber macht, wie das Leben auf Mallorca irgendwann aussehen könnte, bleibt immer noch etwas Unwirkliches dabei. Aber sobald man anfängt, den Menschen, die einem nahestehen, zu erzählen, dass man tatsächlich auswandern wird, verändert sich etwas.
Dann ist es nicht mehr nur unser Plan. Plötzlich wissen es auch die anderen – und irgendwie fühlt sich genau dadurch alles noch einmal anders an.
Auch in der Schule stand eines dieser Gespräche an. Beim Elternsprechtag haben wir die Lehrerin unseres Sohnes über unsere Pläne informiert. Gerade das Auswandern mit Kindern war natürlich einer der Punkte, über die wir uns besonders viele Gedanken machten. Wie würde er mit dem Abschied umgehen? Wie würde es sein, plötzlich in einer neuen Schule zu sitzen? Wie schnell würde er die Sprache lernen? Würde er Freunde finden? All diese Fragen konnte einem vorher niemand beantworten.
Umso mehr hat uns ihre Reaktion gefreut. Sie reagierte unglaublich verständnisvoll und betonte direkt, wie wertvoll eine solche Erfahrung für ein Kind sein könne. Eine neue Sprache zu lernen, in einer anderen Kultur aufzuwachsen, neue Menschen kennenzulernen und einen ganz anderen Alltag zu erleben – all das könne eine riesige Chance sein.
Das zu hören, hat uns wirklich gutgetan. Natürlich wussten wir, warum wir diesen Schritt gehen wollten. Trotzdem gab es immer wieder Momente, in denen Zweifel auftauchten. Gerade wenn es um die Kinder ging. Denn bei allen eigenen Wünschen möchte man natürlich vor allem eines: die richtige Entscheidung für seine Familie treffen. Dann tat es gut, von außen zu hören, dass dieser Weg eben nicht nur mit Abschied und Veränderungen verbunden sein würde, sondern unseren Kindern vielleicht auch unglaublich viel für ihr weiteres Leben mitgeben könnte.
Ein Gespräch stand zu diesem Zeitpunkt allerdings noch aus: das mit meiner Vorgesetzten.
Mir war wichtig, ihr persönlich von unseren Plänen zu erzählen und nicht einfach zwischen Tür und Angel oder am Telefon. Da ich selbst nur an einem Tag in der Woche im Büro war und sie zu dieser Zeit viele Termine hatte, war es gar nicht so einfach, einen passenden Moment zu finden. So dauerte es schließlich etwas länger als gedacht, bis wir uns tatsächlich persönlich zusammensetzen konnten.
Währenddessen liefen auch die Besichtigungen unserer Wohnung weiter. Eigentlich verliefen sie alle durchweg positiv. Viele Interessenten waren begeistert, es gab nette Gespräche und ehrliches Interesse – und trotzdem führte zunächst keine der Besichtigungen zu einem Verkauf.
Dann ging plötzlich alles ganz schnell. Nach erstaunlich kurzer Zeit war jemand da, der die Wohnung tatsächlich kaufen wollte. Die nächsten Schritte wurden besprochen, alles wurde vorbereitet und ein Notartermin sollte vereinbart werden. Wir haben uns unglaublich gefreut, weil es sich auf einmal so unkompliziert angefühlt hat. Wieder ein großer Punkt auf unserer endlos erscheinenden Liste, hinter den wir gedanklich schon fast einen Haken gesetzt hatten.
Und dann kam alles anders.
Kurz vor dem geplanten Notartermin sprangen die potenziellen Käufer wieder ab. Ohne großes Drama, aber eben auch ziemlich unerwartet.
Natürlich hat uns das erst einmal zurückgeworfen. Denn im Kopf waren wir längst einen Schritt weiter. Man beginnt automatisch weiterzuplanen, sortiert Dinge neu und denkt darüber nach, was als Nächstes erledigt werden kann. Und plötzlich steht man wieder dort, wo man vorher schon einmal gestanden hat.
Also haben wir die Wohnung erneut inseriert. Und dann hieß es wieder: warten.
Genau solche Momente waren es, in denen wir uns zwischendurch durchaus gefragt haben: Warum machen wir das eigentlich alles?
Denn auch wenn unser Entschluss, nach Mallorca auszuwandern, feststand, bedeutete das nicht, dass sich jeder einzelne Schritt leicht anfühlte. Im Hintergrund liefen gleichzeitig unzählige organisatorische Dinge, Gespräche, Unterlagen und Planungen. Vieles hing voneinander ab und manches ließ sich einfach nicht beschleunigen.
Unser Optionsvertrag für das Haus auf Mallorca war unterschrieben und damit gab es einen festen zeitlichen Rahmen. Bis Ende Juli musste alles geregelt sein. Objektiv betrachtet war noch Zeit. Emotional fühlte sich das zwischendurch allerdings ganz anders an.
Es gab Tage, an denen wir überzeugt waren, dass alles funktionieren würde. Und dann gab es wieder diese Momente, in denen eine einzige unerwartete Nachricht ausreichte, um das ganze schöne Kartenhaus im Kopf kurz ins Wanken zu bringen.
Wahrscheinlich gehört genau das zu so einem großen Schritt dazu. Die Vorfreude auf das neue Leben auf Mallorca und gleichzeitig die Angst davor, dass irgendwo auf dem Weg doch noch etwas dazwischenkommt.
Und dann war schließlich auch das Gespräch mit meiner Vorgesetzten gekommen. Ich hatte ihr vorher nicht verraten, worum es ging, sondern lediglich gesagt, dass ich gerne einmal in Ruhe mit ihr sprechen würde.
Offenbar hatte das Raum für Spekulationen gelassen, denn als wir schließlich zusammensaßen, fragte sie mich tatsächlich als Erstes, ob ich schwanger sei.
Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Mein erster Gedanke war ungefähr: Um Gottes Willen – nein, nicht noch ein Kind! Zwei reichen uns vollkommen. 😄
Nachdem das also schon einmal geklärt war, konnte ich mit der eigentlichen Nachricht herausrücken: Wir wollten nach Mallorca auswandern.
Natürlich war sie überrascht, reagierte aber gleichzeitig unglaublich positiv und offen. Und plötzlich entstand sogar die Hoffnung, dass unser Umzug vielleicht gar nicht zwangsläufig das Ende meiner bisherigen Arbeit bedeuten musste. Da das Unternehmen auch in Spanien vertreten ist, schien es zumindest nicht völlig ausgeschlossen, irgendeine Lösung zu finden.
Das hätte ich mir wirklich sehr gewünscht. Ich habe meinen Job gerne gemacht und hatte über all die Jahre wirklich tolle Kolleginnen und Kollegen an meiner Seite. Nach mehr als 20 Jahren arbeitet man eben nicht einfach nur irgendwo. Man kennt sich, hat gemeinsam unglaublich viel erlebt und bei manchen Menschen sind aus Kollegen längst Freunde geworden. Der Gedanke, all das mit unserer Auswanderung zurücklassen zu müssen, fiel mir deshalb durchaus schwer.
Umso schöner war zunächst die Vorstellung, vielleicht beides miteinander verbinden zu können: unser neues Leben auf Mallorca und meine bisherige Arbeit. Gerade in einer Zeit, in der ohnehin fast alles auf Veränderung stand, wäre es schön gewesen, diesen vertrauten Teil meines Lebens behalten zu können.
Ganz so einfach sollte es allerdings nicht werden. Nach und nach kamen weitere Rückfragen und aus der anfänglichen Offenheit wurde zunehmend Zurückhaltung. Niemand sagte klar Nein, aber ich bekam immer mehr das Gefühl, dass eine Weiterbeschäftigung aus Spanien vielleicht doch schwieriger werden würde als zunächst gedacht.
Also aktualisierte ich vorsichtshalber meinen Lebenslauf und schaute mich ein wenig um. Nicht, weil ich unbedingt etwas Neues wollte – eigentlich ganz im Gegenteil. Ich wollte einfach vorbereitet sein, falls sich für meine bisherige Arbeit keine Lösung finden ließ.
Und so blieb uns auch an dieser Stelle zunächst nichts anderes übrig – wie bei so vielen Dingen in dieser Phase unseres Lebens: abzuwarten.
Etwas, worin ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich langsam ziemlich gut hätte sein müssen.
Rückblickend war genau das wahrscheinlich eine der merkwürdigsten Phasen unserer ganzen Auswanderung. Auf der einen Seite wurde unser neues Leben auf Mallorca immer greifbarer. Das Haus war gefunden, immer mehr Menschen wussten Bescheid und gedanklich waren wir längst dabei, unser Leben in Deutschland Stück für Stück loszulassen. Auf der anderen Seite gab es noch so viele offene Punkte, dass sich eigentlich noch gar nichts wirklich sicher anfühlte.
Und genau so ging es in den nächsten Wochen weiter. Ein Schritt nach vorne, zwischendurch wieder einer zurück. Gute Nachrichten, auf die kurze Zeit später die nächste Unsicherheit folgte. Unsere To-do-Liste wurde jedenfalls nicht kürzer – eher im Gegenteil.
Aber irgendwann mussten aus all den Plänen ganz konkrete Entscheidungen werden. Die Zeit bis zu unserem geplanten Umzug nach Mallorca lief weiter und damit rückte auch der Moment näher, an dem wir nicht mehr nur darüber sprechen konnten, wie unser neues Leben aussehen sollte.
Wir mussten anfangen, es tatsächlich vorzubereiten.
