Nachdem nun auch in unserem Umfeld immer mehr Menschen von unseren Plänen wussten, fühlte sich das Ganze langsam noch einmal ein Stück realer an. Trotzdem lagen noch einige Monate vor uns, bis aus all den Plänen tatsächlich unser neues Leben auf Mallorca werden sollte. Und bis dahin ging es erst einmal Schritt für Schritt weiter.
Kurz vor Weihnachten stand für meinen Mann und mich zunächst noch ein verlängertes Wochenende auf Mallorca an – dieses Mal tatsächlich ganz alleine und ohne die Kinder. Eine kleine Auszeit zu zweit, die wir allerdings nicht nur zum Abschalten nutzten. Denn natürlich wollten wir uns auch unser zukünftiges Haus noch einmal ganz in Ruhe anschauen.
Bei den Besichtigungen zuvor ging es schließlich immer erst einmal darum, überhaupt herauszufinden, ob dieses Haus das richtige für uns sein könnte. Jetzt war das irgendwie anders. Die Entscheidung war im Grunde gefallen und plötzlich liefen wir durch die Räume und betrachteten alles schon viel mehr als unser zukünftiges Zuhause.
Wo könnte später was stehen? Was wollten wir auf jeden Fall verändern? Was konnte bleiben? Welche Dinge würden wir renovieren lassen und was vielleicht erst nach und nach angehen?
Natürlich hatten wir damals noch längst keinen fertigen Plan. Aber so langsam entstanden die ersten Ideen im Kopf. Hier vielleicht etwas verändern, dort etwas erneuern und an anderer Stelle ganz bewusst Dinge erhalten, weil gerade sie den Charme dieses alten Stadthauses ausmachten. Wir überlegten, was wir aus den einzelnen Räumen machen könnten und wie sich das Haus irgendwann einmal nach uns anfühlen könnte.
Es waren noch keine großen konkreten Planungen, eher dieses typische Herumspinnen, wenn man durch ein zukünftiges Zuhause läuft und plötzlich überall Möglichkeiten sieht.
Und es machte das Ganze wieder ein kleines Stück realer.
Gleichzeitig nutzten wir dieses Wochenende aber auch für etwas ganz anderes. Weihnachten verbringen wir schon seit einigen Jahren auf Mallorca und das sollte natürlich auch dieses Mal so sein. Da wir nun schon einmal vor Ort waren, wollten wir möglichst viel vorbereiten, damit wir später mit den Kindern einfach ankommen und die Weihnachtstage genießen konnten.
Also schmückten wir unsere Wohnung weihnachtlich, besorgten die Geschenke für die Kinder, packten alles ein und versteckten es natürlich entsprechend. Uns war wichtig, dass für die beiden beim nächsten Ankommen Weihnachten auf Mallorca eigentlich schon begonnen hatte.
Wir wollten nicht erst mit den Kindern losziehen, noch irgendwelche Dinge besorgen, Geschenke heimlich einpacken oder anfangen, die Wohnung zu dekorieren. Wenn wir gemeinsam wiederkamen, sollte alles fertig sein.
Und genauso war es dann auch.
Einige Zeit später ging es für uns alle wieder nach Mallorca – dieses Mal für die Weihnachtsferien. Die Wohnung war geschmückt, die Geschenke waren vorbereitet und wir konnten uns einfach auf die gemeinsame Zeit freuen.
Zumindest war das der Plan.
Denn diese Weihnachtsferien sollten ein kleines bisschen anders werden, als wir es von Mallorca gewohnt waren.
So viel Regen hatten wir auf der Insel nämlich wirklich noch nie erlebt.
In den zwei Wochen, die wir dort waren, gab es kaum einen Tag, der komplett trocken blieb. Natürlich erwischten wir zwischendurch immer wieder ein paar Stunden, in denen wir rauskonnten, spazieren gingen und einfach das Beste daraus machten. Aber irgendwann war selbst für mallorquinische Verhältnisse klar: Das war schon außergewöhnlich viel Wasser von oben. Selbst Einheimische erzählten uns, dass sie eine so lang anhaltende Regenphase eher selten erlebt hatten. Und auch in den Wochen nach unserer Abreise sollte sich daran zunächst nicht besonders viel ändern.
Als wäre das Wetter nicht schon grau genug gewesen, erreichte mich fast zeitgleich mit unserer Abreise noch eine Nachricht, die mich damals wirklich getroffen hat.
Mein Arbeitgeber teilte mir mit, dass eine Weiterbeschäftigung von Mallorca aus nicht möglich sein würde. Die Hoffnung, meinen bisherigen Job vielleicht doch irgendwie remote von Spanien aus weiterführen zu können, war damit endgültig vom Tisch.
Nach über 20 Jahren im Unternehmen war das für mich ein ziemlich komisches Gefühl. Natürlich wusste ich von Anfang an, dass es keine Garantie dafür gab, dass sich eine Lösung finden würde. Trotzdem hatte ich gehofft, dass es vielleicht irgendeinen Weg geben könnte – wenn nicht in meiner bisherigen Position, dann vielleicht an anderer Stelle innerhalb des Konzerns.
Aber auch daraus sollte letztendlich nichts werden.
Das musste ich erst einmal sacken lassen.
Mit etwas Abstand begann ich allerdings, die Situation anders zu betrachten. Denn wenn ich mir ansah, was in den kommenden Monaten alles vor uns lag, war vielleicht gerade das gar nicht der schlechteste Zeitpunkt für einen beruflichen Neustart. Der Umzug nach Mallorca, die Kinder, die neue Schule, unser Haus, die Wohnung, die für meine Eltern vorbereitet werden musste – es gab mehr als genug Dinge, die Zeit und Aufmerksamkeit brauchten.
Vielleicht musste ich also auch an dieser Stelle einfach einmal darauf vertrauen, dass sich etwas Neues ergeben würde. Nicht sofort und vielleicht auch ganz anders, als ich es mir bis dahin vorgestellt hatte. Ob irgendwann vor Ort auf Mallorca, selbstständig oder doch wieder remote für ein Unternehmen in Deutschland – das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht.
Mit genau diesem Mix aus Vorfreude und Unsicherheit starteten wir damals in die Weihnachtsferien.
Denn auch an einer anderen Stelle fehlte uns weiterhin die Sicherheit: Beim Verkauf unserer Wohnung waren wir noch keinen entscheidenden Schritt weiter. Es hatte Besichtigungen gegeben, es gab Interessenten und immer wieder Momente, in denen wir dachten, jetzt könnte sich etwas bewegen. Aber wirklich konkret war noch nichts.
Und natürlich kamen dadurch diese Gedanken wieder hoch, die uns schon eine ganze Weile begleiteten: Was, wenn es am Ende doch nicht so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt hatten? Was, wenn wir uns gerade auf einen Weg begeben, bei dem plötzlich an mehreren Stellen gleichzeitig die Fragezeichen immer größer werden?
Es gab definitiv Momente, in denen wir uns fragten, ob gerade einfach alles ein bisschen gegen unseren Plan lief.
Aber Aufgeben war für uns trotzdem keine Option.
Also machten wir weiter.
Und genau deshalb taten uns diese zwei Wochen auf Mallorca trotz Dauerregen unglaublich gut. Heiligabend verbrachten wir ganz bewusst nur unter uns als Familie. Kein großes Programm, keine Verabredungen, sondern einfach wir. Gerade bei all dem, was uns in dieser Zeit beschäftigte und was in den kommenden Monaten noch vor uns lag, war genau das eigentlich ziemlich schön.
Während der Feiertage trafen wir uns natürlich trotzdem mit Freunden und nutzten die Zeit außerdem, um einige Bekannte auf der Insel persönlich in unsere Pläne einzuweihen. Das wollten wir ganz bewusst nicht per WhatsApp oder am Telefon machen.
Die Reaktionen waren durchweg positiv. Viel Freude, viele Fragen, Tipps und vor allem ganz selbstverständlich angebotene Hilfe. Gerade in einer Phase, in der bei uns selbst noch so viele Fragezeichen im Kopf herumschwirrten, tat das unglaublich gut.
Wir trafen außerdem Freunde, die ebenfalls aus unserer Ecke in Deutschland kommen und eine Immobilie auf Mallorca haben. Lustigerweise sehen wir uns auf der Insel teilweise häufiger als zu Hause. Unser zukünftiges Haus konnten wir ihnen zu diesem Zeitpunkt immerhin schon einmal von außen zeigen.
Und spätestens dann war sie wieder da: diese Vorfreude.
Dieses Gefühl, das zwischen all den organisatorischen Dingen manchmal ein bisschen unterging. Die Vorstellung, dass dieses Haus irgendwann wirklich unser Zuhause sein würde. Dass wir nicht mehr nur für ein paar Tage oder Wochen auf Mallorca sein würden, sondern tatsächlich dort leben wollten.
Da wir nun ohnehin wieder auf der Insel waren, wollten wir natürlich auch die Gelegenheit nutzen, noch einmal einen Blick ins Haus zu werfen. Unsere Maklerin hatte uns schon vorher angeboten, dass wir jederzeit Bescheid sagen könnten, wenn wir noch einmal hineinwollten. Und dieses Angebot nahmen wir natürlich gerne an.
Also verabredeten wir uns noch einmal mit ihr und gingen gemeinsam durch die Räume. Nachdem mein Mann und ich uns bei unserem gemeinsamen Wochenende vor Weihnachten schon die ersten Gedanken darüber gemacht hatten, was wir verändern, renovieren oder vielleicht auch genau so lassen wollten, machte es einfach Spaß, noch einmal durch das Haus zu laufen und weiter ein bisschen herumzuspinnen.
Allerdings fiel uns dieses Mal auch etwas auf, das bei den vorherigen Besichtigungen so noch nicht da gewesen war.
Das Haus stand inzwischen seit mehr als einem halben Jahr leer und wurde lediglich hin und wieder vom Housekeeping kontrolliert. Und der viele Regen hatte Spuren hinterlassen.
An ein oder zwei Stellen waren Feuchtigkeitsschäden zu sehen. In einem alten mallorquinischen Haus, das über Monate leer stand, kaum gelüftet und gleichzeitig einer solchen Regenperiode im Winter ausgesetzt war, sicherlich nicht völlig ungewöhnlich. Trotzdem waren wir natürlich erst einmal beunruhigt. Wenn man kurz davorsteht, ein über 100 Jahre altes Haus zu kaufen, schaut man vermutlich sowieso auf jeden Fleck an der Wand ein bisschen genauer.
Unsere Maklerin reagierte sofort und informierte den Verkäufer. Da er selbst Bausachverständiger ist, kam er kurze Zeit später nach Mallorca und sah sich die betroffenen Stellen persönlich an.
Seine Einschätzung beruhigte uns damals sehr. Es handelte sich seiner Aussage nach nicht um einen strukturellen Schaden und auch um nichts Gefährliches, sondern vor allem um eine Folge der langen Leerstandszeit, der fehlenden Luftzirkulation und des ungewöhnlich feuchten Winters.
Er nahm anschließend auch persönlich Kontakt zu uns auf und versicherte uns, dass die entsprechenden Stellen vor dem endgültigen Kauf in Ordnung gebracht würden.
Und damit konnten wir zunächst wieder einen Haken hinter einen weiteren Punkt setzen.
Zumindest glaubten wir das damals.
Denn wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, muss ich manchmal ein bisschen darüber schmunzeln, worüber wir uns zu diesem Zeitpunkt Gedanken gemacht haben. Wir standen damals vor diesem Haus, sahen ein paar feuchte Stellen und fragten uns, ob das wohl unser größtes Problem werden könnte.
Wir hatten ja keine Ahnung, was dieses Haus später noch für uns bereithalten würde.
Aber davon wussten wir an Weihnachten zum Glück noch nichts.
Damals sahen wir vor allem das, was vor uns lag: unser Haus, unser zukünftiges Leben auf Mallorca und einen Plan, bei dem noch längst nicht alle Fragen beantwortet waren.
Und vielleicht war genau das auch ganz gut so.
