Nachdem die Entscheidung gefallen und unsere Wohnung verkauft war, blieb eigentlich gar nicht viel Zeit, lange darüber nachzudenken. Denn plötzlich wurde aus all den Plänen, die uns über Monate begleitet hatten, etwas ziemlich Konkretes: Wir mussten anfangen zu packen.
Und zwar nicht einfach nur für einen Umzug.
Zurück in Deutschland ging es direkt mitten hinein in den Umzugsmodus. Die nächsten Wochen waren geprägt von Kisten, Listen und ziemlich viel Organisation. Wir packten schließlich gleich in zwei Richtungen: Ein Teil unserer Sachen sollte mit nach Mallorca, ein anderer in unsere neue Wohnung in Dortmund.
Für Mallorca stapelten sich nach und nach die Umzugskartons, während wir gleichzeitig damit begannen, die neue Wohnung einzurichten. Zum Glück konnten wir ein paar Freunde mobilisieren, die uns beim Transport einiger Möbel unterstützten. Und auch mit den Käufern unserer bisherigen Wohnung hatten wir wirklich Glück: Sie übernahmen einige der größeren Möbelstücke, was uns einiges an Schlepperei ersparte. Vieles davon hätte in die neue Wohnung ohnehin nicht gepasst oder wäre nur mit ziemlich großem Aufwand zu transportieren gewesen.
Das Bett durfte bis zum Schluss bleiben und sollte später von der entsprechenden Firma umgezogen werden. Immerhin ein Punkt, um den wir uns nicht auch noch selbst kümmern mussten.
Unsere neue Wohnung war bereits saniert und weitestgehend fertig. Ein paar Kleinigkeiten standen noch an, aber wir konnten trotzdem schon anfangen, sie nach und nach zu füllen. Und so versuchten wir, das Ganze möglichst effizient anzugehen: keine Leerfahrten, sondern immer wieder ein paar Kartons mitnehmen, dort ausräumen und zu Hause direkt die nächsten packen.
Spätestens bei so einem Umzug merkt man dann auch, was sich über die Jahre alles ansammelt.
Und ganz ehrlich: Zwischendurch hatte ich wirklich das Gefühl, diese Wohnung würde niemals leer werden.
Ich räumte Schränke aus, packte einen Karton nach dem anderen und trotzdem sah es gefühlt keinen Deut weniger aus. Im Gegenteil. Manchmal kam es mir vor, als würde hinten im Schrank jemand heimlich neue Sachen nachschieben, während ich vorne versuchte, sie herauszuräumen.
Wo kam das alles her?
Besonders eindrucksvoll war diese Erkenntnis bei meinem Kleiderschrank. Ich gebe zu: Ich habe viele Klamotten. Wirklich viele. Das Problem an der Sache war nur, dass meine Kleiderschränke auf Mallorca inzwischen ebenfalls alles andere als leer waren. Irgendwann musste ich mir also eingestehen, dass vielleicht nicht jedes Teil mit umziehen musste.
Ich versuchte einiges über einen Secondhand-Laden zu verkaufen – mit eher überschaubarem Erfolg. Ein paar bessere Sachen konnte ich über Kleinanzeigen loswerden, aber irgendwann war klar: Wenn ich jedes einzelne Teil verkaufen wollte, würden wir vermutlich noch ein Jahr später zwischen Umzugskartons sitzen.
Also wurde radikal aussortiert.
Meine Freundin kam irgendwann vorbei und nahm gefühlt noch einmal einen halben Kleiderschrank mit. Vieles andere haben wir gespendet. Über eine Freundin meiner Mutter gehen regelmäßig Sachen nach Polen, und auch ihr Auto wurde bei uns ordentlich vollgeladen.
Trotzdem blieb das Packen eine Never Ending Story.
Egal, wie viele Kartons irgendwann herumstanden: Ich hatte ständig das Gefühl, wir würden diese Bude niemals leer bekommen. Und natürlich gab es dabei auch diese Momente, in denen ich zwischen all den Kisten stand und dachte:
Was machen wir hier eigentlich?
Denn bei aller Vorfreude auf Mallorca bedeutete das Ganze eben auch, ein Leben auseinanderzunehmen, das wir uns über viele Jahre aufgebaut hatten.
Umso mehr freute ich mich auf die bevorstehenden Osterferien. Ein paar Tage raus aus dem Chaos und dem ständigen Gefühl, noch irgendetwas erledigen zu müssen.
Bevor es so weit war, stand allerdings noch ein Schritt an, der sich deutlich größer anfühlte als jeder Umzugskarton.
Ich musste meine Kündigung einreichen.
Nach fast 22 Jahren im selben Unternehmen war das ein ziemlich merkwürdiges Gefühl. Dass dieser Schritt irgendwann kommen würde, war natürlich klar. Aber die Kündigung dann tatsächlich abzuschicken und damit ein ganz konkretes Ende unter einen so langen Abschnitt meines Lebens zu setzen, war trotzdem noch einmal etwas anderes.
Ich weiß noch, wie ich kurz vor dem Absenden dastand und dachte: Mache ich das jetzt wirklich?
Natürlich machte ich es.
Es gab schließlich nur Hopp oder Topp.
Mein Arbeitsverhältnis sollte offiziell zum 31. Juli enden. Durch meinen Resturlaub und die Überstunden würde mein tatsächlicher letzter Arbeitstag allerdings schon Anfang Juli sein. Und das passte am Ende ziemlich gut in unseren Zeitplan. So blieben mir noch knapp zwei Wochen, um mich ausschließlich um all die Dinge zu kümmern, die vor unserer Abreise noch erledigt werden mussten.
Denn am 16. Juli würden wir in den Flieger steigen.
One-Way.
Mallorca.
Allein das fühlte sich zu diesem Zeitpunkt noch ziemlich unwirklich an.
Unsere Auswanderung hatten wir nie davon abhängig gemacht, ob ich meinen bisherigen Job behalten konnte. Trotzdem habe ich diese Entscheidung nicht gerne getroffen. Ein sicherer Arbeitsplatz nach so vielen Jahren ist schließlich nichts, was man mal eben achselzuckend hinter sich lässt.
Aber manchmal muss man wohl etwas zurücklassen, damit überhaupt Platz für etwas Neues entstehen kann.
Und vielleicht lag genau darin auch eine Chance.
Wenn ich beruflich ohnehin noch einmal neu anfangen musste, warum dann nicht auch Dinge ausprobieren, die ich mich vorher vielleicht gar nicht getraut hätte? Nach so vielen Jahren in einem sicheren Job gab es schließlich wenig Anlass, alles noch einmal auf links zu drehen.
Jetzt tat ich es sowieso.
Diesen Blog hätte es ohne unsere Auswanderung vermutlich ebenfalls nie gegeben. Ich hätte wahrscheinlich nie angefangen, unsere Geschichte aufzuschreiben, kreativ zu arbeiten und einfach auszuprobieren, wohin mich das Ganze führt.
Und vielleicht ist genau das das Spannende daran, noch einmal bei Null anzufangen: Man weiß vorher eben nicht, was daraus entsteht.
Also schauen wir mal.
Erst einmal lagen aber die Osterferien vor uns. Und auf die freuten wir uns inzwischen mehr denn je.
Dieses Mal flog ich alleine mit den Kindern nach Mallorca, weil Christian beruflich nicht mitkommen konnte. Bei ihm war zu dieser Zeit einfach zu viel los. Also machten wir drei uns alleine auf den Weg – und nach den Wochen voller Organisation tat uns dieser Tapetenwechsel unglaublich gut.
Sonne, Mallorca und für ein paar Tage zumindest ein bisschen weniger Umzugschaos.
Ganz ohne Termine ging es natürlich trotzdem nicht. Schließlich wären wir nicht wir, wenn wir einfach nur Urlaub machen würden.
Direkt am zweiten Tag stand ein ziemlich wichtiger Punkt auf unserer Liste: die Schulanmeldung der Kinder.
Da die Osterferien auf Mallorca später begannen als in Deutschland, konnten wir den Termin noch vor Ort erledigen. Und ich gebe zu: Ein bisschen Respekt hatte ich davor schon. Mein Spanisch war schließlich noch weit davon entfernt, wirklich gut zu sein.
Aber irgendwie funktionierte es.
Und am Ende verließen wir die Schule mit dem Wissen, dass die Kinder nun offiziell angemeldet waren und nach den Sommerferien dort starten würden.
Unsere Kinder würden ab September auf Mallorca zur Schule gehen.
Wieder so ein Punkt, der erledigt war und sich trotzdem ziemlich groß anfühlte. Gerade wenn man mit Kindern nach Mallorca auswandert, ist die Schule schließlich eines der Themen, über die man sich vorher wahrscheinlich mit am meisten Gedanken macht.
Nebenbei konnten wir während unseres Aufenthalts noch eine weitere Sache klären. Über einen Bekannten bekam ich kurzfristig Kontakt zu einem Maler, der sich unsere Wohnung anschaute. Bevor meine Eltern dort einziehen würden, sollte sie noch einmal gestrichen werden. Das Angebot passte, der Zeitplan ebenfalls – also konnten wir direkt Nägel mit Köpfen machen.
Als Nächstes sollte er sich noch unser Haus anschauen und auch dafür ein Angebot erstellen.
Es ging voran. Nicht immer schnell und schon gar nicht immer so geradlinig, wie ich es mir manchmal gewünscht hätte. Aber Stück für Stück kamen wir unserem Ziel näher.
Und dann gab es während dieser Tage noch etwas, das mit Organisation, Handwerkern und irgendwelchen Listen überhaupt nichts zu tun hatte.
Über Instagram war ich schon einige Zeit zuvor mit einer Familie in Kontakt gekommen, die ebenfalls nach Mallorca ausgewandert war und mit ihren drei Kindern in Cala Millor lebt. Wir hatten schon länger miteinander geschrieben, Erfahrungen ausgetauscht und uns auf unseren jeweiligen Wegen ein bisschen begleitet.
In diesen Osterferien trafen wir uns zum ersten Mal persönlich.
Und manchmal passt es einfach.
Die Kinder verstanden sich auf Anhieb, wir verbrachten Zeit am Strand, gingen zusammen Eis essen und konnten uns endlich einmal nicht nur über Nachrichten austauschen.
Gerade für mich war diese Begegnung etwas Besonderes. Denn bei all der Vorfreude auf unser neues Leben war natürlich immer die Frage im Hinterkopf, wie schnell wir auf Mallorca wirklich Anschluss finden würden – und vor allem, wie es für die Kinder sein würde.
Dieses Treffen hat mir noch einmal gezeigt, dass ein Neuanfang nicht nur bedeutet, etwas zurückzulassen.
Es kommen auch neue Menschen dazu.
Als wir nach den Osterferien wieder zurückflogen, warteten in Deutschland natürlich noch immer genügend Kartons auf uns. Der Umzug war längst nicht geschafft, meine letzten Wochen im Job lagen noch vor mir und es gab weiterhin mehr als genug zu tun.
Aber der 16. Juli rückte immer näher.
Und langsam begann die Zeit, in der aus „Wir wandern nach Mallorca aus“ tatsächlich „Wir gehen“ wurde.
Was zu diesem Zeitpunkt allerdings noch vor uns lag, waren die letzten Wochen in Deutschland. Die letzten Arbeitstage, die letzten Kartons, die letzten Termine – und irgendwann auch die ersten Abschiede.
Und ich glaube, erst da wurde uns wirklich bewusst, was dieser Schritt eigentlich bedeutete.
